Rotkehlchen weiß 3 (Stolpersteine)

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938

Am 9. November werden in Innenstadt Stolpersteine vor ehemaligen Wohnungen der jüdischen Familien leuchten als Erinnerung an Nazi-Gräueltaten.

Stolpersteine am Markt in Elten (Fleischerei W. Bröder)

Auch in diesen schwierigen Zeiten werden am 9. November ab 17.15 Uhr in der Emmericher Innenstadt die Stolpersteine leuchten und zu einem Rundgang einladen. Im Verlauf der Steinstraße, Fischerort, Kaßstraße, Hühnerstraße, Agnetenstraße und Am Brink werden Schülerinnen und Schüler der Städtischen Gesamtschule und des Förderzentrums Grunewald jeweils zu zweit bei den Stolpersteinen vor den ehemaligen Wohnungen der jüdischen Familien Kerzen entzünden.

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938

<Quelle Wikipedia.org>

Alle Besucher werden gebeten, sich nur zu zweit mit Mund-Nasen-Schutz bei den Stolpersteinen aufzuhalten und Menschenansammlungen dringend zu vermeiden. Vor dem Hintergrund der Einschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie, muss die vorgesehene kleine Feierstunde, die nach Entzünden der Kerzen im PAN vorgesehen war, abgesagt werden.

Adolf Hitler hatte seinen Begleitarzt Karl Brandt und den angesehenen Unfallchirurgen Georg Magnus nach Paris an vom Raths Krankenbett beordert und diesen um drei Klassen zum Gesandtschaftsrat I. Klasse befördert. Am 9. November nahm er nach dem Gedenkmarsch für den Hitlerputsch an einem Essen bei einem Kameradschaftsabend der Parteiführung mit „alten Kämpfern“ im Alten Rathaus in München teil. Dort erfuhr er vom Tod des Diplomaten. Sofort besprach er sich während des Essens mit Goebbels, der ihn über bereits anlaufende Ausschreitungen informierte, und entschied: „Die Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen.“ Entgegen seiner Gewohnheit verzichtete er auf eine Rede und verließ die Versammlung nach dem Essen.

Goebbels machte anschließend gegen 22 Uhr vor den versammelten Partei- und SA-Führern die Nachricht bekannt. Er benutzte den Tod zu einer antisemitischen Auslegung des Attentats, in der er „die Jüdische Weltverschwörung“ für den Tod vom Raths verantwortlich machte. Er lobte die judenfeindlichen Aktionen im ganzen Reich, bei denen auch Synagogen in Brand gesetzt worden seien, und verwies dazu auf Kurhessen und Magdeburg-Anhalt. Er äußerte, dass die Partei nicht als Organisator antijüdischer Aktionen in Erscheinung treten wolle, aber diese dort, wo sie entstünden, auch nicht behindern werde. Die anwesenden Gauleiter und SA-Führer verstanden dies als indirekte, aber unmissverständliche Aufforderung, die „spontanen“ Aktionen des „Volkszorns“ zu organisieren.

Nach Goebbels‘ Rede telefonierten sie gegen 22:30 Uhr mit ihren örtlichen Dienststellen. Danach versammelten sie sich im Hotel „Rheinischer Hof“, um von dort aus weiteren Anweisungen für Aktionen durchzugeben. Goebbels selbst ließ nach Abschluss der Gedenkfeier nachts Telegramme von seinem Ministerium aus an untergeordnete Behörden, Gauleiter und Gestapostellen im Reich aussenden. Diese wiederum gaben entsprechende Befehle an die Mannschaften weiter, in denen es etwa hieß (SA-Stelle „Nordsee“):

„Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. […] Die Presse ist heranzuziehen. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. […] Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen, mit etwa folgendem Text: ‚Rache für Mord an vom Rath. Tod dem internationalen Judentum. Keine Verständigung mit Völkern, die judenhörig sind.‘ Dies kann auch erweitert werden auf die Freimaurerei.“

Himmler nahm in der Nacht gemeinsam mit Hitler an einer Vereidigung von SS-Anwärtern am Odeonsplatz teil und instruierte den Chef der Gestapo-Abteilung für Regimegegner, Heinrich Müller. Dieser sandte um 23:55 Uhr ein Telex an alle Leitstellen der Staatspolizei im Reich: Die Sicherheitsdienste sollten sich heraushalten. Sie sollten aber für den „Schutz“ des jüdischen Eigentums vor Plünderung sorgen. Punkt 3 lautete: „Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20–30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch im Laufe dieser Nacht.“ Anschließend erteilte er Heydrich „nähere Anordnungen“, der diese um 1:20 Uhr seinerseits als Telex an alle Untergebenen sandte. Darin bekräftigte er das Verbot zu plündern, den Schutz für Nachbargebäude vor Bränden und ergänzte, dass – auch jüdische – Ausländer nicht zu belästigen seien. Die Zahl der Festzunehmenden ließ er offen:

„Sobald der Ablauf der Ereignisse dieser Nacht die Verwendung der eingesetzten Beamten hierfür zulässt, sind in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können.“

Der Zweck dieser Verhaftungen war es, dass Gestapo und SS, die durch Goebbels‘ Rede vor vollendete Tatsachen gestellt worden waren, an den Enteignungen partizipieren zu lassen und Geldmittel zur Förderung jüdischer Auswanderung akquirieren.

Polizei und SS waren offenkundig von den Pogromen überrascht worden, die eine Stunde, bevor man sie informiert hatte, begonnen hatten. Darauf deutet nicht zuletzt die Tatsache hin, dass zwei Anordnungen an identische Empfänger gesandt wurden, Müllers Telex war offenkundig hastig formuliert worden und musste deshalb durch Heydrichs Schreiben ergänzt und konkretisiert werden. Die Leitung der Zerstörungen oblag nicht ihnen, sondern den örtlichen Propagandaämtern der NSDAP. Sie beriefen die SA-Ortsgruppen ein, die ihre Mitglieder instruierten und in Marsch setzten, um die Befehle auszuführen. In Nürnberg z. B. wurden sie wie in den meisten deutschen Städten nach Augenzeugenberichten wie folgt umgesetzt:

„Zuerst kamen die großen Ladengeschäfte dran; mit mitgebrachten Stangen wurden die Schaufenster eingeschlagen, und der am Abend bereits verständigte Pöbel plünderte unter Anführung der SA die Läden aus. Dann ging es in die von Juden bewohnten Häuser. Schon vorher informierte nichtjüdische Hausbewohner öffneten die Türen. Wurde auf das Läuten die Wohnung nicht sofort geöffnet, schlug man die Wohnungstür ein. Viele der ‚spontanen‘ Rächer waren mit Revolver und Dolchen ausgestattet; jede Gruppe hatte die nötigen Einbrecherwerkzeuge wie Äxte, große Hammer und Brechstangen dabei. Einige SA-Leute trugen einen Brotbeutel zur Sicherstellung von Geld, Schmuck, Fotos und sonstigen Wertgegenständen, die auf einen Mitnehmer warteten. Die Wohnungen wurden angeblich nach Waffen durchsucht, weil am Tage vorher ein Waffenverbot für Juden veröffentlicht worden war. Glastüren, Spiegel, Bilder wurden eingeschlagen, Ölbilder mit den Dolchen zerschnitten, Betten, Schuhe, Kleider aufgeschlitzt, es wurde alles kurz und klein geschlagen. Die betroffenen Familien hatten am Morgen des 10. November meistens keine Kaffeetasse, keinen Löffel, kein Messer, nichts mehr. Vorgefundene Geldbeträge wurden konfisziert, Wertpapiere und Sparkassenbücher mitgenommen. Das schlimmste dabei waren die schweren Ausschreitungen gegen die Wohnungsinhaber, wobei anwesende Frauen oft ebenso misshandelt wurden wie die Männer. Eine Anzahl von Männern wurde von den SA-Leuten unter ständigen Misshandlungen und unter dem Gejohle der Menge zum Polizeigefängnis getrieben. […] Am anderen Morgen wurden gegen 4 Uhr morgens alle [der zuvor inhaftierten] Personen unter 60 Jahren nach Dachau abtransportiert.“

Doch nicht nur Synagogen und jüdische Geschäfte wurden zerstört, die Gewalt machte auch vor Kinder- und Altenheimen nicht halt. In Emden wurden die Bewohner eines Altersheims aus ihren Betten geholt, in Nachtkleidung an der brennenden Synagoge vorbeigeführt und dann gezwungen, Kniebeugen und andere Freiübungen zu machen.

Aus der Chronologie der Ereignisse wird in der Forschungsliteratur geschlossen, dass die Pogrome nicht auf längerfristige Planungen zurückgingen, sondern erst nach dem Attentat auf vom Rath (Uwe Dietrich Adam) bzw. nach dessen Ableben (Alan E. Steinweis) von Goebbels und Hitler kurzfristig beschlossen wurden. Bislang hatte er die radikalen Antisemiten in der NSDAP immer gebremst, doch nach den Erfolgen seines Regimes glaubte er, keine außenpolitischen Rücksichten mehr nehmen zu müssen.[43]Peter Longerich sieht in den Pressemeldungen des 7. November einen Hinweis darauf, dass man bereits zu diesem Zeitpunkt entschlossen war, das Attentat für eine massive antisemitische Kampagne auszunutzen – anders als zwei Jahre zuvor das Attentat auf Wilhelm Gustloff. Auch auf das Ziel dieser Kampagne gebe die Formulierung einen Hinweis: Es ging um die völlige Verdrängung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben.

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